KRIEG & RETTUNG
Die Rettung der Lipizzaner im Krieg
Die viel erzählte Geschichte, wie die Lipizzaner-Hengste und -Stuten das Ende des Zweiten Weltkriegs überlebten, die Legende der „Operation Cowboy" und die Schule im heutigen Wien.
Check dates and availability ↗Eine gefährdete Rasse
Die Lipizzaner-Tradition hat in ihrer langen Geschichte mehrere Beinahe-Auslöschungen überstanden, doch keine ist berühmter als die letzten Monate des Zweiten Weltkriegs. Als sich die Frontlinien in Mitteleuropa Anfang 1945 auflösten, waren die Hengste der Spanischen Hofreitschule aus dem bombardierten Wien in Sicherheit gebracht worden, während die kostbaren Zuchtstuten – die Zukunft der gesamten Rasse – aus verschiedenen Gestüten zusammengetrieben worden waren und in Gebiet gerieten, das kurz vor der sowjetischen Besetzung stand. Im Chaos des Krieges war die Gefahr real, dass die Herde zerstreut, requiriert oder gänzlich verloren gehen würde. Die Ereignisse, die folgten, wurden so oft nacherzählt und so frei dramatisiert, dass Tatsache und Legende heute eng miteinander verwoben sind; was folgt, ist die weithin kolportierte Darstellung, erzählt als die Geschichte, die sie geworden ist, nicht als lückenloses Dokument aller Details.
Der Appell an die amerikanische Armee
Die zentrale Figur der traditionellen Erzählung ist Oberst Alois Podhajsky, der Direktor der Schule, der eine Vorführung der Hengste für hochrangige amerikanische Offiziere – darunter General George S. Patton, selbst ein ehemaliger olympischer Reiter – inszeniert und direkt darum gebeten haben soll, die Pferde unter den Schutz der US-Armee zu stellen. Der Appell soll Erfolg gehabt haben, und die Hengste in Österreich wurden unter amerikanische Bewachung gestellt. Ob die gefeierte Vorführung exakt so ablief, wie es die populären Schilderungen beschreiben, ist eine jener Einzelheiten, die im Nacherzählen gewachsen sind, doch der grobe Umriss – ein direkter Appell Podhajskys und Pattons Sympathie für die Pferde – ist die Version, die weitergegeben und später verfilmt wurde. Sie bleibt eine der kostbarsten Episoden in der modernen Geschichte der Schule.
„Operation Cowboy" und die Stuten
Die Hengste waren nur die halbe Geschichte; ohne die Stuten hätte die Rasse keine Zukunft gehabt. Die Rettung der Zuchtherde wird gemeinhin mit einer Episode namens „Operation Cowboy" verbunden – einer kolportierten amerikanischen Operation, die angeblich die Zusammenarbeit mit deutschen Soldaten vor Ort beinhaltete, um Lipizzaner-Stuten und andere wertvolle Pferde von einem Gut im heutigen Tschechien zu bergen, bevor sie hinter der schließenden Front verloren gehen konnten. Die Pferde sollen nach Westen in Sicherheit gebracht worden sein. Wie beim Rest der Kriegssaga wurde die Operation über die Jahrzehnte ausgeschmückt, und die genauen Zahlen und Abläufe variieren je nach Darstellung, daher ist sie am besten als weich attribuierte Legende mit einem soliden Kern von Wahrheit zu betrachten: Die Zuchttiere überlebten das Kriegsende, und genau dieses Überleben ist der Grund, warum die Tradition überhaupt fortbesteht.
Rückkehr und Wiederaufbau
Die unmittelbaren Nachkriegsjahre waren geprägt von Wiedervereinigung und Erholung. Mit der Zeit kehrten die Hengste nach Wien zurück, und der Zuchtbetrieb wurde wieder aufgebaut, wobei das Bundesgestüt Piber in der Steiermark seine Rolle als Heimat der Stuten und Fohlen festigte, die die Schule versorgen. Was das Aussterben einer vier Jahrhunderte alten Rasse hätte bedeuten können, wurde stattdessen zu einer Geschichte knapp bewahrter Kontinuität – eine, die die Schule verständlicherweise schätzt und erzählt. Es ist daran zu erinnern, dass die Kriegsrettung nur die berühmteste von mehreren Bedrohungen ist, die die Lipizzaner überstanden haben, von den Wirren der Napoleonischen Ära bis zum Untergang des Kaiserreichs. Jedes Mal wurden die Pferde bewegt, geschützt und zurückgebracht – was selbst ein Zeugnis dafür ist, wie viel die Tradition den Menschen bedeutet hat, die ihr über Generationen anvertraut waren.
Die Schule heute
Heute setzt die Spanische Hofreitschule ihre Arbeit in derselben barocken Halle fort, präsentiert Vorstellungen, Morgentrainings und Führungen und holt die Stuten und Fohlen aus Piber, wie sie es seit einem Jahrhundert tut. 2015 nahm die UNESCO ihre klassische Reitkunst in die Repräsentative Liste des Immateriellen Kulturerbes der Menschheit auf, und 2022 kam das Wissen der Lipizzanerzucht hinzu – eine formelle Anerkennung, dass dies eine lebendige Tradition ist, kein Museumsstück. Die Institution hat sich auch sichtbar modernisiert, darunter die Aufnahme von Frauen in die Ränge ihrer Bereiter im 21. Jahrhundert, lange Zeit eine reine Männerdomäne. Für den Besucher ist diese Geschichte der stille Hintergrund des Spektakels: Die Pferde in der Arena sind die direkten Nachkommen einer Herde, die das 20. Jahrhundert nur um Haaresbreite überlebt hat.